Ein letzter Tag daheim
Leopold ist erst 58 Jahre jung. Seit mehr als sechs Monaten befindet er sich ununterbrochen im Krankenhaus. Viele Operationen liegen hinter ihm, viele Kämpfe hat er bereits ausgefochten. Doch nun steht fest: Seine Krankheit ist stärker. Man merkt, dass seine Kräfte von Tag zu Tag schwinden – dass seine Zeit begrenzt ist.
Das Krankenhaus und seine Familie wenden sich daher an unseren Verein Rollende Engel.
Sein größter Wunsch ist ein einfacher, aber zutiefst bedeutungsvoller:
Noch einmal nach Hause fahren. Noch einmal auf seinen Bauernhof.
Dorthin, wo sein Herz schlägt. Dorthin, wo er vor einigen Jahren mit viel Leidenschaft eine große Hühnergeflügelfarm aufgebaut hat. Ein Ort, den er mit eigenen Händen geschaffen hat. Gemeinsam mit seiner Frau treten wir die Fahrt vom Krankenhaus an. Während der Fahrt ist es ruhig im Fahrzeug. Jeder spürt, wie besonders dieser Tag ist.
Als Leopold ankommt, stehen auch seine drei Enkelkinder bereit. Ihre Augen beginnen zu strahlen, als sie ihren Opa sehen. Vorsichtig treten sie näher – und dürfen ihn noch einmal fest in den Arm nehmen.
Unsere Wunscherfüller setzen alles daran, ihren Patienten noch einmal über seinen Hof zu begleiten. Mit der Fahrtrage fahren wir rund um das Gelände, damit er sich alles noch einmal ansehen kann. Seine Traktoren. Die landwirtschaftlichen Maschinen. Die Ställe mit den Hühnern. Sein gesamtes Lebenswerk. Man sieht ihm an, wie viel ihm dieser Ort bedeutet.
Danach hat die Familie groß aufgekocht. Alle setzen sich gemeinsam an den Tisch. Es wird gegessen und geredet. Mit dabei ist auch seine 91-jährige Mutter. Für sie ist die Situation kaum zu begreifen. Der Gedanke, ihren eigenen Sohn gehen lassen zu müssen, ist für sie unerträglich. Immer wieder sagt sie leise, sie würde lieber selbst gehen, als ihr Kind zu verlieren.
Nach dem Essen sitzt die Familie noch lange zusammen. Es wird erzählt, erinnert und gemeinsam Zeit verbracht. Ein besonders bewegender Moment entsteht, als sein Enkelsohn sein Flügelhorn holt und seinem Großvater ein Stück vorspielt. Doch am späteren Nachmittag merkt man, dass Leopolds Kräfte langsam nachlassen. Die Müdigkeit wird stärker. Gemeinsam beschließen wir, die Heimreise ins Krankenhaus anzutreten.
Der Abschied fällt allen schwer. Tränen fließen. Umarmungen werden länger. Küsse werden verteilt und ein letztes gemeinsames Familienfoto geschossen. Seine Mutter kann es noch immer nicht fassen. Sie hält die Hand ihres Sohnes und möchte sie kaum loslassen. Auch seine Kinder verabschieden sich von ihrem Vater. Sie bedanken sich bei ihm – für alles, was er ihnen im Leben gegeben hat, für seine Liebe, seine Arbeit, seine Fürsorge.
Gemeinsam mit seiner Frau fahren wir schließlich zurück auf die Palliativstation, wo das Team bereits auf ihn wartet. Leopold ist erschöpft. Seine Kräfte sind fast aufgebraucht. Doch in seinem Gesicht liegt ein ruhiges, zufriedenes Lächeln.
Leise bedankt er sich bei unserem Team – dafür, dass wir ihm diesen einen besonderen Tag noch einmal ermöglicht haben.


